Als Freiwillige an der Angkor Thom Junior Highschool

In den vier Wochen, in denen wir als Volunteers an der Angkor Thom Junior Highschool arbeiten, führt morgens unser erster Weg meist zu Mr. Chhoy, der sich als General Manager um alle Belange der Schule, des Boardinghauses und des dazugehörigen Grundstücks samt Garten kümmert, die nichts mit dem Lehrbetrieb zu tun haben. Mr. Chhoy ist auch das Bindeglied zwischen dem deutschen Verein Hilfe für Kinder in Kambodscha und der kambodschanischen Partnerorganisation Life and Hope Association, die ebenfalls in die Verwaltung der Schule involviert ist.

Leider haben die deutsche und kambodschanische NGO zum Teil recht unterschiedliche Vorstellungen, was beispielsweise von den Schülern verlangt werden kann oder was die Ausstattung und Versorgung betrifft. Das macht es nicht immer einfach, bestimmte Dinge zu ändern oder umzusetzen, doch ohne einen Partner vor Ort würde man sich als ausländische Organisation vermutlich noch schwerer tun. Mr. Chhoy spricht sehr gut Englisch, besitzt die richtige Portion Humor und ist unser Ansprechpartner Nr. 1 vor Ort, wenn es darum geht zu diskutieren und zu beschließen, was verbessert werden kann und was gemacht werden muss.

Es gibt viel zu tun

In den ersten beiden Wochen ist auch Siegfried Zinkeisen (von allen Siggi genannt), der Gründer und Vorsitzende von Hilfe für Kinder in Kambodscha mit uns vor Ort. Zusammen mit seiner Frau Gerlinde ist er die treibende Kraft des Vereins. Mit unglaublichem Engagement, Herzblut, Zeit, Geld und Energie sind sie seit dem ersten Tag bemüht, das Leben der Kinder und einiger anderer in Peak Sneng um einiges besser zu machen. Durch die Zusammenarbeit mit Siggi bekommen wir einen guten Überblick über die bisherigen und zukünftigen Aktivitäten der Organisation, aber auch die Schwierigkeiten, mit denen die deutsche NGO in Kambodscha zu kämpfen hat. Mit Gerlinde kommunizieren wir täglich per Email über offene Fragen, anstehende Aufgaben und Fortschritte – und es gibt jede Menge zu tun.

An der Angkor Thom Junior Highschool unterrichten derzeit elf Lehrer, die zum Teil wie einige Schüler vor Ort im Boardinghaus leben. Die Kommunikation mit ihnen ist nicht ganz einfach, da einige von ihnen kein oder nur ganz wenig Englisch sprechen (und wir kein Khmer) oder sie sich nicht wirklich trauen, sich mit uns zu unterhalten. Leider spricht auch der Schulleiter kein Englisch, sodass er immer darauf angewiesen ist, dass jemand übersetzt, worüber wir gerade sprechen. Übersetzungshilfe kommt zum Glück meistens von Herrn Sokchea, dem Englischlehrer, der sich von allen Lehrern am meisten engagiert, uns bei allen Anliegen unglaublich unterstützt und ein sehr modernes Verständnis vom Umgang zwischen Schülern und Lehrern hat, das man in Kambodscha bislang wohl eher selten findet.

Zur Schule gehen – für manche Schüler Luxus

Die rund 230 Schüler, die sich auf sechs Klassen der Stufen 7 bis 9 verteilen, kommen aus den umliegenden Dörfern. Einige, deren Familien weiter weg leben, deren Familien sehr arm sind, selbst Waisen oder Halbwaisen sind, können kostenlos im Boardinghaus neben der Schule wohnen. Um die Eltern zu motivieren, ihre Kinder tatsächlich zur Schule gehen zu lassen, statt sie wie oft üblich als Arbeitskraft einzusetzen, gibt es für alle Schüler kostenloses Frühstück und Mittagessen sowie Schuluniformen. Über die kambodschanische Organisation erhalten besonders bedürftige Familien zusätzlich Unterstützung in Form von 15kg Reis pro Monat. Die tägliche Versorgung der rund 250köpfigen Mannschaft ist ein kleines Meisterwerk der Köchinnen, da sie alle Speisen in großen Töpfen auf dem Holzfeuer zubereiten. Strom in der Küche? Fehlanzeige. Die Schule besitzt zwar eine Solaranlage, der Strom reicht allerdings nur für den Betrieb der Wasserpumpe, für den Computerunterricht und Elektrizität im Boardinghaus – doch je nach Verbrauch nur bis etwa 22h, danach ist es zappenduster.

Die Strom- und Wasserknappheit, Mängel an Installationen sowie andere technische Probleme auf dem gesamten Schulareal sind nur einige der Aufgaben, um die sich Kai neben dem Schulgarten vornehmlich während unseres Aufenthalts kümmert. Fast an jeder Ecke findet sich etwas, das repariert, aufgeräumt oder entsorgt werden könnte, um mehr Platz zu schaffen, Dinge besser zu nutzen oder sicherer zu gestalten. Es gibt zwar einen Hausmeister, der sich um solche Reparaturen eigentlich kümmert, doch offensichtlich liegen die kambodschanischen und deutschen Vorstellungen, was die Themen Wartung und Instandsetzung, Ordnung und Sicherheit betrifft, weit auseinander.

Selbstversorgung durch den Schulgarten

Einen Teil der Lebensmittel, der für die Versorgung der Schüler und Angestellten benötigt wird, kommt aus dem schuleigenen Garten, um den sich hauptsächlich Mr. Saveourn und Mr. Vansak kümmern. Auch bei den Schülern steht das Fach „Agriculture“ wöchentlich auf dem Stundenplan, bei dem sie im Garten mithelfen und mehr über Gemüse, Obst und andere Gewächse lernen. Die Klassen pflanzen hinter dem Schulgebäude außerdem selbst Gemüse wie Morning Glory an, das sie an die Schulküche verkaufen und somit ein wenig Taschengeld verdienen.

Da ein großer Teil des Schulgartens noch unbestellt ist, beschließen wir zusammen mit Mr. Chhoy, am nächsten Freitag einen Gartentag einzulegen, an dem die Schüler zusammen mit ein paar externen Arbeitern mit anpacken sollen. Am Freitag Morgen erscheinen die Schüler zwar, allerdings in ihren weiß-blauen Uniformen, die sich zur Gartenarbeit einfach nicht eignen. Ihnen hat niemand Bescheid gesagt, dass heute Gartenarbeit ansteht. Ob der Schulleiter die Lehrer nicht informiert hat oder die Lehrer nicht die Schüler oder ob der Schulleiter selbst davon nichts wusste?

Startschwierigkeiten bei der Gartenaktion

Wir können es nicht herausfinden, jeder schiebt die Schuld dem anderen zu, sodass die ganze Aktion leider einen entsprechend schlechten Start hat. Nichtsdestotrotz teilt Mr. Chhoy Schüler und Lehrer in Gruppen ein und der Gärtner Mr. Saveourn verteilt die Arbeiten. Einige Schüler beginnen nun immerhin zu werkeln, allerdings immer sehr bemüht, ihre weiß-blauen Schuluniformen nicht schmutzig zu machen. Von den Lehrern legt leider nur Mr. Sokchea selbst Hand an, die anderen sitzen im Schatten und kümmern sich nicht darum, was die Schüler machen.

Nach eineinhalb Stunden unterbrechen wir die ganze Aktion, die Schüler werden nach Hause geschickt, um sich umzuziehen und Gartengeräte mitzubringen. Entsprechend gering ist die Motivation am Nachmittag, viele Schüler sitzen lieber nichtstuend herum oder spielen Ball, zertrampeln dabei ein paar Pflanzungen und zerstören letzten Endes auch noch eine Wasserleitung. Die Lehrer kümmert das leider gar nicht, tatsächlich tauchen nach der Pause nur drei Lehrer überhaupt wieder auf.

Entsprechend frustriert sind wir am Ende des Tages, wobei trotz allem zumindest die Grundlage für weitere Arbeiten gelegt ist. Ein Lichtblick sind die beiden älteren Jungs Vichhay und Cheourm, die uns bei der Aufgabenkoordination mit Übersetzen helfen und bei den Gartenarbeiten selbst mit Hand anlegen. Sie sind ebenfalls sichtlicht enttäuscht, vor allem von den Lehrern, die weder ihrer Rolle als Vorbild noch als Aufsichtsperson gerecht wurden. Wie den beiden geht es mehreren jungen Kambodschanern, die etwas verändern wollen, um ihr eigenes Leben und die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Leider mangelt es oftmals an der Unterstützung oder den Möglichkeiten, eine fundierte Schulausbildung ist zumindest ein guter Anfang.

Schulunterricht auf kambodschanische Art

Englisch steht bei allen Klassen auf dem Stundenplan, sodass wir uns mit allen Schülern zumindest auf Englisch begrüßen und verabschieden können. Einige Schüler sprechen wirklich sehr gut Englisch und unterhalten sich mit uns über ihre beruflichen Pläne, das Leben in Kambodscha und was sie gerne ändern möchten. Da es sich bei der Angkor Thom Junior Highschool um eine staatliche Schule handelt, sind die Englisch-Lehrbücher, die das Bildungsministerium herausgibt, noch zum Teil von 1997. Ein Großteil des Unterrichts besteht aus gemeinsamem Wiederholen, wer aufgerufen wird oder etwas sagen möchte, muss aufstehen und bedankt sich mit gefalteten Händen vor der Brust, wenn der Lehrer das Ok zum wieder Setzen gegeben hat.

Richtige Wettkampfstimmung bricht dagegen aus, wenn Mädchen gegen Jungs an der Tafel antreten. Dann gibt es kein Halten mehr, die Schüler springen von ihren Bänken auf, klatschen in die Hände, rufen die (vermeintlich) richtige Lösung nach vorne und fiebern richtig mit. Generell läuft der Unterricht etwas lauter als in Deutschland ab, irgendwie ist immer eine Klasse am gemeinsamen Wiederholen, Fenster und Türen stehen aufgrund der Hitze sowieso offen und nicht selten schauen ein oder zwei Schüler von außen durchs offene Fenster ins Klassenzimmer, die gerade keinen Unterricht oder eine gute Ausrede haben. Weitere Abwechslung für den Englischunterricht bringt Stefanie, die mit ihrem seltsamen deutschen Akzent ein ganz anderes Englisch als der reguläre Lehrer spricht.

Ein paar besonders Mutige und der Englisch-Lehrer besuchen zudem den Deutschunterricht, den Stefanie während der Mittagspause gibt. Die Aussprache klappt überraschend gut, nur mit den Umlauten hapert es ein bisschen, sodass sie immer lieber „Auf Wiedersehen“ statt „Tschüss“ sagen. Am meisten Gelächter gibt es, wenn sie sich mit der deutschen Anrede „Herr“ und „Frau“ ansprechen sollen, um die Begrüßung zu üben. Trotz Umlaut ist ihr deutsches Lieblingswort „Gummibärchen“, welche natürlich am liebsten im Original getestet werden.

Kleiner Mann mit großem Herz

Während unseres Aufenthalts ist uns vor allem der spindeldürre Gärtner Mr. Saveourn ans Herz gewachsen. Da Kai ihm bei der Bestellung des Schulgartens tatkräftig unter die Arme greift und ihm ein paar neue Gartenwerkzeuge aus Siem Reap mitbringt, freut sich Mr. Saveourn so sehr, dass er uns in den nächsten Wochen immer mal wieder frischen Maniok, eine Art Süßkartoffel, aus seinem persönlichen Garten vor seiner Holzhütte auftischt. Maniok sei das einzige, was er geben könne, da er sonst nichts habe, übersetzt sein Sohn für uns, was wir gerne glauben.

Kommuniziert wird größtenteils mit Händen und Füßen, da er leider kein Englisch spricht. Außerdem versucht er unverdrossen und auf sehr herzliche Weise, uns ein paar Worte Khmer beizubringen. Wenn wir uns dann wieder fast die Zunge brechen, um einen Satz zu wiederholen, lacht Mr. Saveourn verständnisvoll, sodass man seine großen Zahnlücken sieht und redet unverdrossen weiter auf uns ein.

Dem Schicksal eine neue Richtung geben

Von den Menschen, die wir kennen lernen, hatten es einige in ihrem Leben oftmals nicht einfach, wie zum Beispiel Sohka, der mit seinen beiden Brüdern im Boardinghaus ein neues Zuhause gefunden hat, nachdem seine Mutter nach langer Krankheit gestorben ist. Nun möchte Sokha gerne Medizin studieren, um Arzt zu werden. Klassenbester in Chemie und Biologie ist er bereits. Ein ähnliches Schicksal teilt eine der Schülerinnen, die eine Ausbildung an der angeschlossenen Nähschule macht. Sie hat acht Jahre lang ihre bettlägerige Mutter gepflegt und sich um ihre jüngeren Geschwister gekümmert. Acht Jahre, in denen sie nicht zur Schule gehen konnte, sodass sie heute weder richtig schreiben noch lesen kann. Mit der Ausbildung zur Näherin, die der Verein ihr ermöglicht, kann sie künftig hoffentlich den Lebensunterhalt für sich und ihre Geschwister bestreiten.

Besonders mit Bopha, der geistig behinderten Tochter von Mr. Samnag, der aufgrund einer Kriegsverletzung selbst im Rollstuhl sitzt, hat es das Leben nicht immer gut gemeint. Da sie neben ihrer geistigen Behinderung nicht sprechen kann, war die Hemmschwelle für ihren Vergewaltiger wohl gering genug. Sie wurde schwanger und brachte einen gesunden Sohn zur Welt, um den sie sich aber nicht selbst kümmern kann. Glücklicher Weise sorgt sich heute die Mutter einer Schülerin um das Baby, deren eigene Tochter Dank der Unterstützung des Vereins eine lebensrettende Herz-Op in Deutschland erhalten hat.

Um viele wertvolle Erfahrungen reicher

Diese und ähnliche Schicksale machen uns bewusst, wie gut es uns wirklich geht und wie einfach wir es in unserem Leben haben. Doch nicht nur deswegen war unsere Zeit als Volunteer während unserer Auszeit eine ganz besondere Erfahrung, die uns sicherlich noch lange beeinflussen wird. Ein Monat ist natürlich viel zu kurz, um viel zu bewegen, längerfristige Projekte erfolgreich anpacken und umsetzen zu können. Auch ist es zu wenig Zeit, um die Leute, mit denen man zusammenarbeitet, näher kennen zu lernen oder die kambodschanische Mentalität und Gegebenheiten besser zu verstehen.

Auf jeden Fall sind wir Siggi und Gerlinde, dem Verein, Mr. Chhoy, den Lehrern und Schülern der Angkor Thom Junior Highschool sehr dankbar, dass sie uns diese großartige Gelegenheit gegeben haben, Kambodscha von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen! Neben Siggi und Gerlinde möchten wir uns vor allem bei Mr. Chhoy, Mr. Sokchea, Mr. Savouen, Vichhay und Cheourm bedanken, die uns unglaublich unterstützt haben und unseren Aufenthalt zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Akun Trang und Sam Nang Laor (vielen Dank und viel Glück) – hoffentlich bis zu einem nächsten Mal!

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