China: Lost in Translation

China ist riesig, überraschend, anstrengend, anders und mit Geld geht so einiges. So könnte zumindest ein Versuch aussehen, die Eindrücke unseres viereinhalb Wochen dauernden Aufenthalts im Reich der Mitte in einem Satz zusammenzufassen. China ist nicht gerade ein einfaches Land zum Reisen und ebenso schwierig ist es, ein Land mit derartigen Dimensionen halbwegs treffend zu beschreiben.

Riesig

China ist flächenmäßig das drittgrößte Land der Welt und mit seinen etwa 1,3 Milliarden Einwohnern ist heute jeder fünfte Mensch dieser Erde Chinese. Im Land selbst gibt es offiziell 56 ethnische Minderheiten und wer dachte, dass alle Chinesen gleich aussehen, wird sehr schnell eines besseren belehrt. Wir haben uns für unseren Aufenthalt Hongkong und Shanghai im Osten, Chongqing und Xian in Zentralchina sowie Lijiang, Kunming, Yuanyang und Xishuangbanna im Süden ausgesucht. Dazwischen liegen jeweils mehrere hundert bzw. tausend Kilometer, die man per Bus, Bahn oder Flug zurücklegen kann. Am einfachsten geht es per Flieger, da man die Flüge selbst online buchen kann, zum Beispiel über www.ctrip.com, und sich die Kosten, wenn man Glück hat, in einem ähnlichen Rahmen bewegen wie das entsprechende Zugticket, das Flughafenpersonal ein wenig Englisch spricht und auch die meisten Taxifahrer problemlos zum Flughafen finden. Zugtickets kann man nur gegen Vorlage des Reisepasses kaufen, wenn man Glück hat, findet man einen englischsprachigen Ticketverkäufer oder man lässt sich vorher auf chinesisch aufschreiben, welche Fahrkarten man kaufen möchte. Außerdem kann man sich bereits vorab unter www.chinatrainguide.com über Abfahrts- und Ankunftszeiten, Zugnummer und Preise informieren, was den Ticketkauf und das Reisen ebenfalls einfacher macht. Auch gut zu wissen: Zugtickets gibt es nur außerhalb des Bahnhofgebäudes zu kaufen und um an die Gleise zu gelangen führt kein Weg an der Gepäckdurchleuchtung sowie an mindestens drei Ticket-Kontrolleuren vorbei.

Die Bahn ist eine tolle Möglichkeit mehr vom Land zu sehen, allerdings schränken die zahlreichen Tunnel die Sicht deutlich ein und nachts sehen so gut wie alle Städte, durch die man fährt, gleich aus. Auch wenn der Zustand der Toiletten und Waschräume in chinesischen Zügen zum Teil sehr abschreckend ist, so ist es dennoch komfortabler als eine stundenlange Fahrt mit dem Überlandbus. Im Bus wird sich in Plastiktüten erbrochen (ohne Löcher, wenn man Glück hat) und die jüngeren Fahrgäste verrichten ihre kleinen und großen Geschäfte während der Fahrt über dem Mülleimer. Auf die Erwachsenen warten öffentliche Aborte ohne Wasser, Wände oder Türen, die von den Hinterlassenschaften der Vorgänger nur so starren, und einen angewidert postwendend wieder umkehren lassen möchten. Zudem durften wir Zeuge werden, dass das braune Wasser, mit dem die Busse an den Zwischenstops „gesäubert“ werden, auch für die Zubereitung der bei den Einheimischen so beliebten Würstchen verwendet wird. Während bei den Bahntickets der gebuchte Zug bindend ist, so hat die Uhrzeit auf dem Busfahrschein nichts zu sagen (oder doch, abhängig davon wo und wen man fragt). Der Bus fährt ohnehin dann, wenn es der Fahrer für richtig hält.

Die Dimensionen Chinas bringen nicht nur mit sich, dass man riesige Entfernungen zurücklegen muss, sondern dass man auch auf ganz unterschiedliche klimatische Bedingungen trifft, ganz abgesehen von den kulturellen Unterschieden. Während wir Anfang Dezember 2012 im feucht-kalten Shanghai bereits ordentlich gefroren haben, so erwarteten uns im rund 1.350 Kilometer entfernten Xian um die Null Grad. Das machte den Besuch der berühmten Terrakotta-Armee zu einem eisigen, aber nicht weniger beeindruckenden Erlebnis. Zum Glück konnten wir uns im muslimischen Viertel der Altstadt bei leckerem Dattel-Apfel-Punsch, warmen, gefüllten Fladenbroten und süßen Reiskuchen ein wenig aufwärmen, was jedoch leider nicht verhindern konnte, dass wir uns eine ordentliche Erkältung einfingen.

Mit bereits triefender Nase landeten wir anschließend in Südchina in Lijiang, das tagsüber auf 2.400 Meter 25 Grad in der Sonne zu bieten hat, während das Thermometer nachts mal eben auf 2 Grad fällt. Als wir uns dann auch noch den Magen verdorben haben, waren erst ein mal ein paar Tage Bettruhe angesagt, bevor wir wieder durch die schöne Altstadt von Lijiang mit seinen tausenden chinesischen Touristen schlendern konnten. Zum Glück waren wir vor Ort im Hidden Garden bei Stefan und seiner Frau May untergebracht, die sich besorgt um uns kümmerten, bis wir wieder auf den Beinen waren.

Von Lijiang aus machten wir uns noch weiter in den Süden der Provinz Yunnan auf, um Weihnachten mit zwei Freunden aus Hamburg, die in Shanghai leben, inmitten der winterliche Reisterrassen von Yuanyang zu feiern. Während es hier nachts noch bitterkalt und feucht war, verwöhnte uns das Klima noch weiter im Süden in der Region Xishuangbanna rund um Jinhong mit sonnigen 27 Grad, sodass wir sogar eine Radtour in kurzen Hosen und Sandalen wagten.

Eigentlich hatten wir auch vor einen Abstecher nach Tibet zu machen, allerdings haben wir uns entschieden, es diesmal außen vor zu lassen. Prinzipiell ist es wohl zwar möglich, das erforderliche Permit derzeit (Ende 2012) etwa über eine spezialisierte Agentur wie www.tibettravel.org oder www.travelwestchina.com zu bekommen. Da die offizielle Regelung derzeit jedoch vorsieht, dass Permits nur an Gruppen von mindestens fünf Personen der selben Nationalität ausgestellt werden können, lassen sich die Agenturen diesen zusätzlichen Gruppierungsaufwand natürlich entsprechend bezahlen. Andere Voraussetzungen wie zum Beispiel, dass man nur zehn Tage im Voraus das Permit beantragen kann und Flug oder Zug auch erst dann gebucht werden können, wenn das Permit vorliegt, machen die derzeitige Reiseplanung nach Tibet nicht einfacher. Zudem kann man nie davon ausgehen, dass die Einreisegenehmigung letzten Endes auch tatsächlich gewährt wird. Für uns hätte es außerdem bedeutet, dass wir unser reguläres China-Visum ebenfalls verlängern hätten müssen, da wir krankheitsbedingt in unserem Zeitplan etwas hinterher hinkten, d.h. minimum fünf Tage auf die Visumsverlängerung hoffen, um insgesamt fünf Tage länger in China bleiben zu dürfen.

Überraschend

Wer kein Chinesisch spricht, wird sich beim Reisen sehr schwer tun, vor allem je weiter man sich von den Metropolen entfernt und in die Provinz vordringt, wobei „Provinz“ auch eine riesig Stadt wie Chongqing mit knapp fünf Millionen Einwohnern sein kann. Von den Taxi-Fahrern, mit denen wir zum Teil das zweifelhafte Vergnügen hatten, sprach kein einziger Englisch. Wer es nicht gleich von vornherein ablehnte uns Langnasen zu fahren, war meist sehr hilfsbereit. So ist es uns ein paar Mal passiert, dass der Taxifahrer von sich aus einen Kollegen anrief, um sich nach dem richtigen Weg zu erkundigen, uns bat beim Hostel anzurufen, um den Weg auf Chinesisch zu erfragen oder direkt selbst noch mal bei unserer Unterkunft anrief, wenn wir uns mal wieder eine Unterkunft in den hintersten Gassen ausgesucht hatten, die nicht von der Hauptstraße auffindbar war und wir auf den letzten Metern abgeholt werden mussten.

Andererseits sind wir auch immer wieder überrascht worden, wer tatsächlich Englisch spricht und sich für Ausländer interessiert. Als wir zum Beispiel morgens mit dem Nachtzug in Xian ankamen und einen Kaffee bei McDonalds tranken, hat uns ein Mitarbeiter in sehr gutem Englisch darauf hingewiesen, dass wir den Lonely Planet-Reiseführer besser nicht so offen auf dem Tisch liegen lassen sollten, da er hierzulande verboten sei (was uns durchaus bewusst war). Zuvor hatte der junge Mann eben noch die Toiletten geputzt.

In Hongkong kamen wir noch relativ einfach voran, da dort vergleichsweise viele Chinesen Englisch sprechen. Außerdem sind wir auf überraschend hilfsbereite Leute gestoßen. Wann immer wir etwas verloren auf der Straße herumstanden und versuchten, uns auf dem Stadtplan zu orientieren, wurden wir angesprochen, ob wir Hilfe benötigten.

Was ebenfalls für großes Erstaunen unsererseits geführt hat, sind die unvorstellbar riesigen Baustellen und Neubauten, die man im ganzen Land findet. Unglaublich viele Quadratkilometer Land werden bewegt, ganze Stadtviertel werden mal eben geräumt und abgerissen, um Platz für Tausende Wohnungen in scheinbar endlos aneinander gereihten Hochhäusern zu schaffen. Allein diese Mammut-Neubauten sorgten für Momente der Sprachlosigkeit, absolutes Kopfschütteln erzeugte jedoch leider immer wieder die Feststellung, dass unfassbar viele der Wohnungen leer stehen – entweder, weil sie nicht fertig gestellt wurden, oder weil es sich der Großteil der Leute schlichtweg nicht leisten kann. Ein besonders krasses Beispiel für diesen Bauirrsinn fanden wir in Jinhong. Rund 90 Prozent einer riesigen Luxus-Wohnanlage mit schickem Tempel und Straßenlaternen in Form und Größe eines Elefanten stehen leer. Was das ganze noch absurder macht: Der bereits bestehende Teil der Anlage ist nur der kleinste Teil einer noch viel gigantischeren Anlage, die sich über mehrere Straßenzüge erstrecken soll. Wer dort einziehen soll? Keine Ahnung, wohl kaum die Anwohner, die in unmittelbarer Nachbarschaft in verfallenen Hütten zusammen mit ihren Hunden und Hühnern in ärmlichen Verhältnissen hausen und wohl irgendwann das Feld räumen müssen – sofern das Vorhaben tatsächlich weiter fortgesetzt werden wird. Ein paar Meter weiter steht die nächste Geisterstadt, die New City Area. Gähnende Leere, als wir auf der zweispurigen Straße kilometerweit an den tristen Wohneinheiten vorbei radelten.

Anstrengend

Wer wie wir kein Chinesisch sprechen kann und sich außerhalb der Zentren bewegt, in denen sich des Öfteren ausländische Touristen aufhalten, kommt unter Umständen schnell an seine Grenzen. Wir hatten uns zum Beispiel in den Kopf gesetzt, den Jangtze von Chongqing aus zu befahren, allerdings nicht auf einem Touridampfer, sondern innerhalb eines Tages mit einem Schnellboot. Mit leichten Startschwierigkeiten ging es bereits damit los, dass uns das Hostel die nötigen Tickets nicht besorgen konnte, uns in Chongqing auch sonst niemand eine Fahrkarte verkaufen wollte, wir zunächst mit dem Bus in des Provinzstädtchen Wanzhou (auch Wanxian genannt, um die Verwirrung noch etwas zu steigern) fahren mussten und ein Mal umsonst zum Busbahnhof rausfuhren, nur um zu erfahren, dass sie keine Bustickets im Voraus verkaufen.

Vorsorglich hatten wir uns im Hostel alles auf Chinesisch aufschreiben lassen, was uns jedoch auch nicht weiterhalf, als wir am nächsten Morgen ein mit Schriftzeichen übersähtes Ticket in der Hand hielten, welches offensichtlich die falsche Uhrzeit aufwies. Nach zwei Telefonaten am Sonntagmorgen zwischen unserem chinesischen Freund (Xie xie, Kun Yan!) und der nur chinesisch sprechenden Dame am Informationsschalter war dann aber klar, dass die Uhrzeit nur so als Lückenfüller aufgedruckt wird und der Bus losfahren würde, wenn genügend andere Fahrgäste eingetrudelt wären, was dann auch tatsächlich eine Stunde später der Fall war.

Der Zettel mit den chinesischen Anweisungen aus dem Hostel half leider auch nur bedingt weiter, als wir dann später aufgeschmissen in Wanzhou mitten auf der Straße standen, da sich der Busbahnhof in einem Wohngebiet in der Vorstadt befindet. Kein Taxifahrer wollte uns zum Fährterminal mitnehmen und selbst die sonst so überschwänglich hilfsbereiten Privatwagen-Gondoliere winkten ab, da an diesem Tag kein Schnellboot mehr fahren sollte – so zumindest unsere Interpretation. In dem Provinzort Wanzhou kommen wohl nur sehr selten Ausländer vorbei, zumindest hatte sich inzwischen schon eine kleine Menschenmenge um uns herum versammelt, um hautnah mitzuerleben, was mit uns wohl passieren würde. Zum Glück nahmen irgendwann zwei junge Frauen aus dem Grüppchen ihren Mut zusammen, verständigten sich mit uns mithilfe eines Handy-Übersetzungsprogramms und überredeten einen Taxifahrer, uns trotzdem zum Fährterminal zu bringen.

Dort angekommen erwartete uns gähnende Leere, die Damen am offiziellen Ticketschalter ignorierten uns ganz bewusst und hielten lieber weiter ihr Schläfchen oder spielten auf ihren Handys rum. Kurz darauf sprach uns ein Typ an, der uns angeblich ein Ticket besorgen konnte. Mittlerweile waren wir zeitlich schon ziemlich im Verzug, da wir bereits am nächsten Nachmittag in Yichang sein mussten, um unseren gebuchten Zug zu erwischen. Mithilfe einer Übersetzungsapp, fünf Telefonaten zwischen dem Verkäufer und wiederum unseren Englisch sprechenden chinesischen Freund (Xie xie again, Kun Yan!) und der obligatorischen Zuschauermenge verständigten wir uns auf folgenden Deal: Er besorgt uns zwei Zweite-Klasse-Tickets auf einem chinesischen Touridampfer, wobei wir eine Vier-Personen-Kabine für uns allein bekommen sollen und wir pünktlich am nächsten Tag in Yichang sein würden, um noch rechtzeitig unseren Zug zu erreichen.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl ließen wir uns darauf ein, eine andere Wahl hätten wir aber auch nicht gehabt, ein anderes Transportmittel gab es nicht. Irgendwann abends taucht dann auch tatsächlich das Schiff auf, das seine besten Tage schon hinter sich hatte. Wie vereinbart schleuste unser „Verkäufer“ uns in unsere Viererkabine mit Stockbetten, die wir tatsächlich für uns alleine hatten, allerdings stank es darin ganz erbärmlich nach Pisse und den Teppichboden wollte man ohne Gummistiefel am liebsten gar nicht betreten. Kurz nachdem wir abgelegt hatten, tauchte das Zimmermädchen auf und versuchte uns etwas zu erklären. Wieder einmal standen wir ratlos ohne ein Wort zu verstehen da, allerdings tauchte zu unserer Überraschung fünf weitere Minuten später ein Englisch sprechender „Tourguide“: Wenn wir 600 Yuan mehr bezahlen würden, hätten sie eine Kabine Erster Klasse für uns. Nach kurzem Überlegen entschlossen wir uns, die umgerechnet 75€ mehr zu investieren und bekamen somit eine Kabine mit Doppelbett und Fenstern nach zwei Seiten (die Scheiben waren dreckig, der Toilettendeckel fiel beim bloßen Anschauen ab und die Klimaanlage ließ sich nicht regulieren), was die nächtliche Fahrt auf dem Jangtze einigermaßen komfortabel machte.

Allerdings stellte sich am nächsten Morgen heraus, dass das Boot zu spät in Yichang ankommen würde – zu spät, um noch unseren Zug zu erwischen. Mit den Nerven bereits ziemlich am Ende begaben wir uns also wieder einmal in die Hände unseres Tourguides Miss Houan und ein paar Telefonate später und um weitere 350 Yuan leichter (siehe auch: Mit Geld geht einiges) hatte sie zum Glück einen Fahrer organisiert, der uns von der vorletzten Haltestelle am Drei-Schluchten-Damm abholen und noch rechtzeitig zum Bahnhof nach Yichang bringen sollte. Als Bonus machte er noch schnell eine Express- Drei-Schluchten-Damm-Foto-Schnuppertour mit uns, damit wir nicht ohne Erinnerung an eines der größten Bauwerke der Welt abreisen mussten, was zudem noch chinesisch ist (mit zum Teil deutscher Technik). Letzten Endes klappte dann auch tatsächlich alles, sodass wir erleichtert unsere Schlafkojen im Zug nach Xian beziehen konnten. Was Miss Houan hoch anzurechnen ist: Zur Sicherheit hatte sie uns ihre Handynummer gegeben, für denn Fall der Fälle, denn unser Fahrer sprach natürlich wieder kein Wort Englisch.

Anders

Vor allem man selbst ist anders. Das wird einem immer wieder bewusst, wenn man tagein tagaus von den Einheimischen beäugt wird. Das reicht von missbilligenden Anmerkungen im Laden, wenn die „laowai“ (Langnase) mal wieder mit dem großen Schein bezahlen und kein Wort verstehen, über neugierige Gemüter, die einen ganz unverwandt anstarren, die etwas mutigeren, die mehr oder weniger heimlich Fotos von uns machen, beispielsweise wenn wir Flieger sitzen, oder die ganz mutigen, die um ein Foto mit uns bitten und sich dann ganz im Stil bester Freundinnen mit Unterhaken zusammen mit der Langnäsin ablichten lassen.

Eine andere Vorstellung herrscht in China auch, wenn es um das Thema Wandern geht. Wir hatten uns eine Zweitagestour durch die Tigersprungschlucht ausgesucht, mit einer Übernachtung in einem sogenannten Guesthouse. Ohne einen Schimmer, was uns unterwegs erwarten würde, hatten wir unser Standard-Trekking-Hüttenübernachtungsgepäck dabei. Der Aufstieg in die Schlucht auf rund 2.400 Meter hatte es dann auch tatsächlich etwas in sich, zumindest wenn man die Tage zuvor mit Erkältung und Magen-Darm-Infekt krank im Bett gelegen hatte. Um den beschwerlichen Aufstieg für westliche und asiatische Touris zu erleichtern, verkaufen ein paar Bauern entlang des Weges die obligatorische Nudelsuppe, aber auch Snickers und Marihuana gehören zum angepriesenen Sortiment oder sie stellen ihre Reittiere bereit, damit die zierlichen Großstadt-Chinesinnen den Berg nicht selbst hochkraxeln müssen.

Entlang der Schlucht gibt es mehrere Gasthäuser, von denen wir uns das „Tea Horse Guesthouse“ zum Übernachten ausgesucht hatten. Während die Hütten in den Alpen meist mit einem müffelnden Matratzenlager und bestenfalls mit spartanisch eingerichteten Zimmern aufwarten, bekommt man in den Unterkünften in der Tigersprungschlucht ein Doppelzimmer mit Bad, Fernseher und Heizdecke, wobei man das Bad eigentlich nur bekleidet und mit festem Schuhwerk betreten möchte, und der Fernseher nur zur Dekoration dient. Letzten Endes hat uns der ganze Luxus nichts gebracht, als pünktlich zur Dämmerung der Strom im ganzen Bergdorf ausfiel. So etwas wie Hüttenromantik kam leider in keinem der Gasthäuser auf, bei dem wir unterwegs Halt gemacht haben, da alles ziemlich herunter gekommen und verdreckt ist, was die Betreiber aber nicht zu stören scheint. Schließlich haben die Wanderer keine andere Möglichkeit als bei ihnen einzukehren – zumindest so lange noch, bis auch diese schöne Schlucht im Zuge eines Dammbaus geflutet werden wird.

Mit Geld geht so einiges

Wer hierzulande Geld hat, der ist fein raus, ob als Aus- oder Inländer. Die Einheimischen können ein Lied davon singen, was mit ein paar großen Scheinen alles mit möglich ist und wieviel täglich an Bestechungs- oder Schutzgeld die Besitzer wechselt. Dass im kommunistischen China einige Leute tatsächlich richtig viel Geld haben, sieht man unter anderem an den dicken deutschen Autos, die mit eingebauter Vorfahrt durch die Straßen brausen.

Wer Geld hat, ist besonders dann im Vorteil, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Apotheken für chinesische Medizin mit einer riesigen Auswahl an Tees, Wurzeln, wundersamen Pülverchen und Pillen gibt es wohl in jeder Stadt, was uns Wessis jedoch meistens nicht weiterhilft. In den größeren Städten gibt es auch diverse Krankenhäuser und Kliniken, wobei eine „Klinik“ auch ein Raum mit ein paar Liegen sein kann, der direkt an den Apotheken-Verkaufstisch anschließt, sodass der Arzt/Apotheker mit dem noch warmen Fieberthermometer in der einen Hand dem nächsten Kunden ein paar Magenpillen verkauft, die Geldscheine mit der anderen Hand in seinen nicht mehr weißen Arztkittel steckt und dann direkt ans Krankenlager der anderen Patienten zurückkehrt.

Wem das zu abenteuerlich ist, der wird in den Großstädten auch Kliniken finden, die speziell auf die Bedürfnisse von Ausländern (oder zahlungskräftigen Chinesen) zugeschnitten sind. Die Ärzte sprechen Englisch oder sind selbst Expats und die Behandlungsmethoden sowie Hygienevorschriften entsprechen westlichen Standards – allerdings gegen entsprechende Bezahlung. Wir hatten das zweifelhafte Vergnügen eine solche Klinik in Shanghai aufzusuchen, nachdem unser Immunsystem die Umstellung vom geruhsamen Inselleben in warmen Gefilden auf die hektischen, versmogten und winterlichen Metropolen Hongkong und Shanghai nicht so ganz verkraftet hatte. Kostenpunkt für einen kleinen Eingriff, Blutanalyse, Antibiotika und sonstige Medikamente für die Behandlung von einigen Entzündungen an Hals, Knie und Fuß: rund 1.000€. Glücklicherweise haben wir eine Reisekrankenversicherung, die die Kosten hoffentlich übernimmt (noch haben wir keine Rückmeldung von der Versicherung bekommen). Außerdem hatten wir das große Glück, uns im Haus unserer Freunde Wiebke und Helge auskurieren zu dürfen. Vielen Dank Ihr zwei, dass Ihr uns so wunderbar beherbergt habt!

Natürlich gäbe es noch viel mehr über China zu schreiben und dabei haben wir in einem Monat nur einen kleinen Eindruck gewonnen. Sofern möglich, werden wir irgendwann noch einmal hier her kommen, um uns ein weiteres Mal überraschen und beeindrucken zu lassen – und dann ist hoffentlich auch Tibet mit dabei.

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