Leben in Siem Reap – die zwei Gesichter eines Touristenmekkas

Es hätte uns deutlich schlechter treffen können. Während unseres vierwöchigen Aufenthalts in Kambodscha als Volunteers für Hilfe für Kinder in Kambodscha sind wir in Siem Reap untergebracht, rund 30 km von der Angkor Thom Junior Highschool entfernt, wo wir hauptsächlich tätig sind. In den ersten beiden Wochen kommen wir in einer für uns viel zu großen Wohnung bei der Familie der Buchhalterin der kambodschanischen Partnerorganisation unter.

Fließend Wasser? Nicht selbstverständlich

Zwar gibt es nur zwei kleine Zimmer, leider ohne Fenster, den meisten Platz nimmt dagegen der Vorraum und die Küche ein, wobei die Küchenausstattung gerade mal ein Waschbecken und einen Kühlschrank umfasst. Insgesamt ist die Wohnung sehr spartanisch eingerichtet, dabei bewohnen wir von den vier aneinander liegenden Wohnungen die komfortabelste, da wir als einzige fließend Wasser in Bad und Küche haben. Der Rest der Familie muss das Wasser nach wie vor aus der Quelle im Hof per Hand pumpen. Somit trifft man eigentlich rund um die Uhr jemanden an der Quelle, der gerade duscht, Wäsche wäscht oder das Essen zubereitet.

Mit dem Moped fahren wir direkt in unsere Wohnung, um es nachts nicht im Hof stehen lassen zu müssen, wo es wohl trotz Zaun eine attraktive Beute sein könnte. Leider gerät während unseres Aufenthalts einer der beiden Hunde unseres Nachbarn in die falschen Hände und landet vermutlich auf dem Teller. Einige Restaurants in Siem Reap zahlen für Hundefleisch gutes Geld, erklärt uns ein trauriger Mister Tou und passt seitdem auf seinen anderen Hund noch sorgsamer auf.

Siem Reap – Die Stadt der NGOs

Während der letzten beiden Wochen wohnen wir im Happy Guesthouse, wo außer uns noch weitere Volunteers anderer NGOs untergebracht sind. Allerdings sind wir die einzigen, die ein Moped haben, dafür aber auch täglich aufs Land raus fahren und abends total verdreckt von der Fahrt über die Schotterpiste wieder im Guesthouse eintrudeln. Da Ausländer in Siem Reap keine Mopeds oder Roller ausleihen dürfen, zählen wir neben einigen Expats zu den ganz wenigen Nicht-Kambodschanern, die auf zwei motorisierten Rädern unterwegs sind.

Durch die unmittelbare Nähe zu den Tempeln von Angkor Wat hat sich Siem Reap zu einer Touristenhochburg entwickelt, in der Reisende jeden Alters und mit jedem Budget fündig werden. Dabei reicht das Spektrum von Luxushotels mit manikürten Rasen und Swimmingpool bis zum in die Jahre gekommenen Backpacker-Hostel und allen möglichen Abstufungen dazwischen.

Ob schickes Thai-Restaurant, französische Weine, Pizza, Khmer-Küche für westliche Gaumen oder günstige Snacks, die auch bei den Einheimischen begehrt sind, die Auswahl an Essen ist riesig. Wer eher ein Faible für preisgünstige alkoholische Getränke hat, kann jeden Abend eine neue Bar testen, bis man alle durch hat, wird es eine Weile dauern. Der halbe Liter Bier lokaler Sorten wie Angkor oder Cambodia gibt es bereits ab $ 0,5, Cocktails um die $2 und wer in Kneipen geht, die mit dem Slogan werben „promoting irresponsible drinking“, der dürfte am nächsten Morgen wahrscheinlich nicht zu den Kulturtouristen gehören, die morgens um halb fünf Uhr mit dem Tuk Tuk zum Sonnenaufgang zu den Tempeln aufbrechen.

Tempelerkundung in Beng Mealea

Da wir 2010 schon einmal in Siem Reap waren, können wir uns mit den Tempelbesuchen etwas Zeit lassen. Entsprechend brechen wir erst nach zwei Wochen in die 65km von Siem Reap entfernte Tempelstätte Beng Mealea auf. Auch wenn noch vergleichsweise wenig Touristen den weiten Weg auf sich nehmen, so kann man inzwischen nicht mehr von einem echten Geheimtipp sprechen.

Trotzdem lohnt sich die Fahrt und der Besuch der großteils überwucherten Tempelanlage. Etwas vollmundig wird Beng Mealea in einigen Reiseführern als Indiana-Jones-Abenteuer angepriesen, die Behauptung, dass es wie Tha Prohm (der berühmte überwucherte Tempel aus dem Lara-Croft-Film) noch vor einigen Jahren aussieht, trifft schon eher zu. Wir schließen uns einem der Guides an, die überall auf dem Gelände herumstehen und schon geht es abseits des offiziellen Holzstegs in fast menschenleere Ecken, wir balancieren über umgestürzte Steine ins Innere der Tempelruinen und kraxeln auf schmalen Vorsprüngen die Mauern entlang. So kommt tatsächlich ein wenig Abenteuer-Feeling auf, allerdings gemischt mit Zweifeln, ob es so eine gute Idee ist, auf den antiken Steinen herumzulaufen. Den Guide plagt das schlechte Gewissen jedenfalls nicht, er möchte einfach nur ein paar Dollar verdienen.

Highlights von Angkor Wat

Am nächsten Tag fahren wir endlich zu den Tempeln rund um Angkor Wat hinaus, mit Mr. Mao, einem 65-jährigem Tuk-Tuk-Fahrer, der sich gegenüber seinen jüngeren Kollegen wohl etwas schwerer mit den Touris tut, da er kein Englisch spricht. Uns stört das nicht weiter, da wir diesmal weniger an historischen Daten und unaussprechlichen Königsnamen interessiert sind, sondern uns einfach nur von dem absolut beeindruckendem handwerklichen Geschick und den architektonischen Meisterleistungen der damaligen Zeit faszinieren lassen möchten. Im Vergleich zu 2010 sind deutlich mehr Touristen vor Ort, was zum einen an der zunehmenden Reisefreudigkeit asiatischer Touristen liegen könnte, zum anderen aber auch daran, dass wir diesmal wirklich zur Hochsaison hier sind. Deshalb suchen wir uns nur die Highlights heraus, die uns wirklich interessieren und sind trotzdem einen ganzen Tag in der sengenden Hitze unterwegs.

Ein weiterer Punkt unseres Ausflugsprogramms ist der Besuch des Landmine Museums etwa 25 km außerhalb Siem Reaps. In diesem privaten Museum informiert das Team rund um Aki Ra, der als Kindersoldat einst selbst Sprengkörper legte und später auf eigene Faust Landminen entfernte, über die Gefahren, die von noch immer verstreut in weiten Teilen Kambodschas herum liegender scharfer Munition ausgehen und die Schicksale von Minenopfern.

Die andere Seite von Siem Reap

Selbst wer sich nur in den Touristenstraßen in Siem Reap aufhält, trifft früher oder später auf Opfer mit amputierten Gliedmaßen, erblindet oder sonst wie versehrt, die um Geld betteln. Hinzu kommt eine ganze Armada an Kinder und Frauen, die ebenfalls um Geld oder Lebensmittel bitten – zum Teil leider so aggressiv, dass einem die Lust am Geben gründlich vergeht. Leider können wir nicht einschätzen, wer tatsächlich auf Unterstützung angewiesen ist. Wenn man den Lahmen am nächsten Tag mit neuen Sportschuhen und ohne Krücke durch die Straßen humpeln sieht, dann kommen einem berechtigte Zweifel. Gerade wenn man sich wie wir länger in der Stadt aufhält, trifft man immer wieder auf die gleichen Gestalten, die einen nicht selten mit einem schlechten Gefühl zurück lassen. Ob man Kindern, die statt in der Schule zu sein, betteln oder Souvenirs verkaufen, nun etwas gibt oder eben nicht, um sie für deren Familien nicht als Verdiener attraktiv zu machen, ist ebenfalls keine einfache Entscheidung.

Dass viele Leute tatsächlich nur knapp über die Runden kommen, daran besteht kein Zweifel. Meist sind es westliche Ausländer, denen gleich mehrere gut laufende Restaurants und Bars gehören und die damit eine ordentliche Summe verdienen, während ihre einheimischen Angestellten pro Tag nur eine Handvoll Dollar erhalten, mit denen sie gerade mal so die Ausbildung und Betreuung ihrer Kinder finanziert bekommen.

Endlich mal wieder selbst kochen

In Siem Reap kann man als Ausländer wirklich gut und vergleichsweise günstig essen, sowohl asiatische als auch westliche Küche. Trotzdem überkommt uns an manchen Tagen eine unglaubliche Lust auf westliches Essen, allen voran auf richtigen, guten Käse, frisches Brot mit Butter, Brezeln mit Obazter, Spätzle mit Soße, Kartoffeln mit Quark – wir könnten die Liste noch endlos fortsetzen! Seit wir im November 2012 aus Neuseeland weg sind, haben wir nicht mehr selbst gekocht – weil wir keine Möglichkeit dazu hatten und weil es vor allem in Asien günstiger ist essen zu gehen, als einzukaufen und selbst Hand anzulegen. Da wir Zuhause aber bestimmt wieder Lust auf asiatisches Essen haben, haben wir uns für einen Kochkurs bei Le Tigre de Papier entschieden. Innerhalb von drei Stunden bereitet jeder eine Vor- und Hauptspeise zu und da wir im Gegensatz zu den total erledigten jüngeren Teilnehmerinnen Spaß am Werkeln haben, machen wir auch noch das Dessert für die ganze Mannschaft mit. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Fresh Springrolls, scharfer Papaya-Salat, Amok mit Hühnchen, Somlor Kteas und Sticky-Rice-Bällchen mit Palmzucker. Bis auf das recht saure und scharfe Somlor alles sehr lecker, hoffentlich klappt das in Deutschland dann auch noch so!

Dass man sich noch nicht mal aus Siem Reap herausbewegen muss, um wirklich mit der Armut konfrontiert zu werden, die in Kambodscha vielerorts gang und gebe ist, wird uns bei einer Erkundungsfahrt an den südlichen Stadtrand von Siem Reap ganz deutlich bewusst. Je weiter wir uns vom Zentrum entfernen, umso häufiger treffen wir auf windschiefe Holzhäuser und Hütten mit nur einem Raum, die auf Stelzen entlang des dreckigen Flusses stehen. Vor den Häusern pumpen einige Frauen Wasser oder waschen sich und ihre Kinder direkt an der Quelle. Die Unmengen an Dreck und Müll um sie herum scheinen sie nicht zu stören. Ein klappriges Wasserrad aus Holz pumpt unregelmäßig braunes Wasser unter der staubigen, schlaglochübersähten Straße hindurch. Ob sie ans lokale Stromnetz angeschlossen sind? Schwer zu sagen, wohl eher nicht.

Slums vor den Toren von Siem Reap

Noch ein paar Kilometer südlicher nimmt die Armut und Vermüllung nochmals weiter zu. Rechts und links des schlammbraunen Flusses leben viele Fischerfamilien in slumartigen Verhältnissen in heruntergekommenen Holz- und Wellblechhütten, die nur knapp über dem Dreckwasser auf Stelzen zwischen herumliegendem und schwimmendem Müll stehen. Die Trostlosigkeit des Orts, der üble Gestank und die misstrauischen Blicke der Bewohner lassen uns relativ zügig wieder ins Zentrum von Siem Reap umkehren, wo uns eine vergleichsweise heile Welt erwartet.

Ein weiterer Ausflug führt uns an den Tonle Sap, Südostasiens größter See. Den See selbst bekommen wir zwar leider nicht zu sehen, da wir einige Kilometer zuvor ordentlich zur Kasse gebeten werden: Um zu den berühmten „schwimmenden“ Dörfern per Boot zu gelangen, sollen wir $ 25 auf den Tisch legen, dabei wollen wir weder ein Boot noch auf den See. Leider lässt der Herr an der Kasse nicht mit sich verhandeln, sodass wir kehrt machen und stattdessen parallel zum See über die Dörfer fahren, wo uns die Einheimischen lachend zuwinken. Hierher verirren sich wohl nur äußerst selten Touristen, vermutlich nur hin und wieder Vertreter ausländischer Hilfsorganisationen, wie uns einige Sponsoren-Schilder vermuten lassen.

Abschied von einem beliebten König

Während unseres Aufenthalts werden wir außerdem Zeuge, wie die Kambodschaner Abschied von ihrem früheren König Norodom Sihanouk nehmen, der auch lange nach seiner Amtszeit noch von vielen sehr verehrt wird. Ein Fernsehsender sendet bereits Wochen (evtl. seit dem Tod des ehemaligen Königs Mitte Oktober 2012?) nichts anderes als das eine Bild vom aufgebahrten Sarg des Verstorbenen, dazu immer die gleiche Trauermusik und das rund um die Uhr. Für die eigentlichen Kremierungsfeierlichkeiten, die unter einem Millionenaufwand in Phnom Penh stattfinden, sind vier Tage angesetzt, an denen sogar schulfrei ist. Sämtliche TV-Sender überschlagen sich nun mit Endlosdokumentationen, an vielen Straßen und vor den größeren Hotels sind Altäre oder Bildnisse mit Trauerflor zu finden, viele Kambodschaner haben sich eine Trauerschleife angesteckt. Am Abend der Einäscherung reihen sich vereinzelt mehrere Menschen auf Plätzen auf und beten.

Wenige Tage später sind die offiziellen Plakatwände in Siem Reap bereits verschwunden, doch die Lobeshymnen im Fernseher gehen weiter. Bleibt zu hoffen, dass der amtierende König einen positiven Einfluss auf den Prime Minister hat, um die Geschicke Kambodschas in die richtige Richtung zu lenken.

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