Das Ende vom Ende der Welt

Fast 6.000 km haben wir im vergangenen Monat mit unserem Camper auf Neuseelands Straßen zurückgelegt. Die meiste Zeit zwar leider im Regen, letzten Endes hat sich die Sonne aber dann doch noch blicken lassen. Nachdem wir uns an den heißen Quellen rund um Rotorua etwas aufgewärmt haben, machen wir uns auf den Weg in den Norden ins Umland von Hamilton, um Sandra, eine Freundin aus Studientagen, die dort mit ihrer Familie lebt, zu besuchen. Als wir bei stürmischem Wetter durch ein Waldstück fahren, liegt plötzlich ein halber Baum auf der Straße. Zwei Minuten vorher kam uns gerade noch ein Auto entgegen. Also erstmal die Fahrbahn frei räumen, bevor es weitergeht.

Auf Abwegen

Auf unserem Weg nach Hamilton kommen wir bei den berühmten Waitomo Caves vorbei, die eigentlich auf jeder Touri-To-Do-Liste stehen und entsprechend viel Eintritt kosten. Wir haben jedoch keine Lust auf viele Leute und schauen uns stattdessen die Piripiri-Höhle an, die gleich um die Ecke liegt, keinen Eintritt kostet und menschenleer ist. Unser Weg abseits der Touri-Routen führt uns allerdings auch über eine kilometerlange unbefestigte Straße ohne Wegweiser, auf der uns jeder entgegenkommende Autofahrer freundlich grüßt. Nachdem wir uns ziemlich sicher sind, dass wir uns verfahren haben, schlagen wir einen anderen Weg ein, bis wir zu ein paar Pfählen kommen, auf denen ein Ziegenschädel und ein paar undefinierbare Tierfelle angebracht sind. Wir sehen ein, dass das Schild „No Access Road“ zu Beginn der Straße wohl ernst gemeint ist.

Über ein paar Umwege trudeln wir schließlich doch noch auf der Farm von Sandra und Conrad ein, bei denen wir die nächsten drei Tage verbringen werden. Mit den beiden Jungs Tama und Shane, Philipp, einem Wwoofer aus Deutschland, den fünf Katzen, einem Hund, einem Schaf, zwei Ziegen, Hühnern und etwa 500 Rindern ist ihr Zuhause für unser Verständnis zwar bereits gut bevölkert, nichtsdestotrotz bekommen wir ein eigenes Zimmer, werden in die heimischen Risiko- und Starwars-Spiele integriert und fataler Weise auch noch bestens verköstigt. Daran, dass es nach jedem Abendessen auch noch leckeren Nachtisch gibt, gewöhnen wir uns leider viel zu sehr und nicht überall hat Kuh-Fan Kai die Möglichkeit, ein Kälbchen mit der Flasche zu füttern. Entsprechend schwer fällt uns der Abschied, als wir uns nach dem Labour-Weekend schließlich wieder auf den Weg Richtung Coromandel machen.

Unser nächster Stopp ist zur Abwechslung mal wieder ein Must-See jedes Neuseelandbesuchers: Am Hot Water Beach graben bereits die ersten Touris nach warmem Wasser, das von einer unterirdischen heißen Quelle nach oben gedrückt wird. Wir halten uns nicht lange auf und fahren über den „legendären“ Highway 309 (laut unseres Wohnmobilführers) von der Ost- an die Westküste der Coromandel-Halbinsel, wo wir bereits wieder vom Regen erwartet werden. Beste Voraussetzungen also für einen Tag auf der Straße, der uns bis in den Norden von Auckland nach Mangawhai bringt, einem verschlafenen Ferienort in der Vorsaison.

Kunst und Geschichte

Auf unserer Suche nach einem DOC-Campingplatz an einem kleinen Strand bei Whananaki (ausgesprochen Fänänäki) landen wir mal wieder auf den tollsten Schotterpisten im fast unbewohnten Hinterland ohne Wegweiser, bis auf das ermutigende Schild, dass es sich zumindest noch um eine „Milk Tank Route“ handelt. Und tatsächlich kommen wir wie geplant am Otamure Beach raus, allerdings auf der falschen Seite der Lagune. Unser weiterer Weg in den Norden führt uns anschließend über das Städtchen Kawakawa, das außer einer außergewöhnlichen Toilette, die vom Künstler Friedensreich Hunderwasser gestaltet wurde, wenig zu bieten hat.

Nur ein paar Kilometer weiter wurde in Waitangi neuseeländische Geschichte geschrieben. Dort unterzeichneten 1840 Vertreter der englischen Regierung und einiger Maori-Stämme einen Vertrag, der unter anderem Zugehörigkeit und Landnutzung regeln sollte. Fataler Weise stimmten die maorische und englische Version in einigen Punkten nicht überein, was wohl bis heute zu Spannungen führt. Da wir bereits im Te Papa Museum einiges über den Vertrag von Waitangi erfahren haben, sparen wir uns die $35 Eintritt pro Person und verlassen die Bay of Islands.

Erinnert sich noch jemand an die „Rainbow Warrior“, das Greenpeace-Schiff, das 1985 vom französischen Geheimdienst im Hafen von Auckland versenkt wurde? Von einem kleinen Hügel direkt neben unserem Campingplatz kann man auf die Stelle blicken, an der das Wrack 1987 letzten Endes in der Matauri Bay versenkt wurde. Heute dient es Fischen und anderen Meeresbewohnern als Lebensraum und ist ein beliebtes Tauchrevier. Auf dem Hügel selbst steht ein Denkmal für das Schiff und die Person, die bei dem Anschlag getötet wurde.

Sonniger Norden

Nördlich der Doubtless Bay zeigt das Thermometer erfreulicher Weise zum ersten Mal 21 Grad, was wir mit mehreren Stopps an einigen kleinen Stränden sofort auskosten. Zwar fahren wir nicht bis ganz hoch zum Cape Reinga, Neuseelands nördlichsten Punkt, stattdessen quartieren wir uns auf halber Strecke des berühmten 90 Mile Beach im Wagener Holiday Park bei Houhora Heads ein. Mal wieder befinden wir uns auf historischem Terrain. Auf dem unscheinbaren Anwesen nebenan leben Nachfahren der polnischen Königsfamilie, die nach Neuseeland geflüchtet waren. Auf dem Gelände des Campingplatzes selbst befinden sich einige Stellen, die von den Maori rituell genutzt wurden (deshalb durfte dort auch der Swimmingpool nicht gebaut werden, erzählt uns der Besitzer). Außerdem weisen Funde auf der Landzunge gegenüber darauf hin, dass es sich um eine der ältesten Maori-Siedlungen an diesem Ende der Welt überhaupt handeln dürfte. Nichts davon ist irgendwo beschrieben, alles erfahren wir von Colin, der den Campingplatz mit Herz und Seele leitet. Wir leihen uns ein Kajak, paddeln rüber auf die geschichtsträchtige Landzunge und klettern auf den Hügel. Leider finden wir außer ein paar Überresten eines Kuhskeletts nichts, was uns Nicht-Archäologen mehr erzählen könnte.

Zurück in den Süden

Ab jetzt führt unser Weg wieder Richtung Süden, da wir am 1. November 2012 von Auckland nach Samoa abfliegen werden. Davor machen wir noch einmal bei den beiden größten Stränden, dem 90 Mile Beach und dem Baylys Beach Halt und lassen uns den Wind um die Nase wehen. Vor Dargaville führt der Highway durch den Waipoa Kauri Forest, dem größten zusammenhängenden Kauri-Wald Neuseelands. Der beeindruckende „Tane Mahuta“, der Gott des Waldes, ist mit seinen rund 2000 Jahren und 245 m3 der größte lebende Kauri-Baum und wir fühlen uns davor winzig klein.

Unser letzter Stopp vor Auckland ist das verschlafene Örtchen Dargaville. Hier bezahlen wir nur $15 für den Campingplatz (sonst haben wir zwischen $24 und $46 bezahlt), dafür sind die „Facilities“ schon deutlich in die Jahre gekommen. Was uns besonders freut und überrascht: Als wir im Supermarkt eine Dose Bier kaufen, müssen wir den Ausweis zeigen. In Neuseeland darf man Alkohol nämlich erst ab 18 erwerben. Scheinbar ist uns das Klima hierzulande gut bekommen uns wir fahren fröhlich im Regen weiter zu unserer letzten Station: Auckland.

Großstadt zum Abschluss

Im Vergleich zum restlichen Land ist Auckland wirklich eine Großstadt mit Hafen, zweispuriger Autobahn, ein paar Hochhäusern, seriösen Anzugträgern, vielen Asiaten und Polizeisirenen. Allerdings werden selbst in Neuseelands größter Stadt die Bürgersteige zeitig hochgeklappt, die meisten Läden und Foodcourts in der City schließen bereits um 18 Uhr. Ein kühles Bier, Burger, Fish & Chips und zum Glück auch Sushi bekommt man immerhin auch noch zu späterer Stunde.

An unserem letzten Tag setzen wir mit der Fähre nach Rangitoto über, die mit gerade mal 600 Jahren jüngste Vulkaninsel in Aucklands Umgebung. Als wir nach einer halben Stunde Fußmarsch am Gipfel des bewaldeten Kraters ankommen, zeigt sich noch mal die Sonne und eröffnet uns einen phantastischen Blick über das blaugrüne Hafenbecken auf die „City of Sails“. Ein wunderbarer Abschied von diesem Ende der Welt – auf nach Samoa!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbar beschrieben mei gudsdär.
    Hättest auch Reiseführer schreiben können.
    Viel Spaß und Spannung weiterhin und Passt auf euch auf.
    Britta, Robby Max und Dirk aus MV!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.