Myanmar: Zwischen Grenzen, Fischern und Spionen

Das Städtchen Kalaw hat nicht wirklich viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, sodass wir mit dem Rad die nähere Umgebung erkunden. Wir radeln einfach der Nase nach entlang einer Straße, die aus der Stadt herausführt. Einige Leute, die wir passieren, grüßen freundlich, andere starren uns einfach nur an, was in Myanmar nichts ungewöhnliches ist. Wir radeln an einem Soldaten vorbei, was für uns ebenfalls alltäglich geworden ist. Erst, als sich nur wenige Meter vor uns ein Soldat mit Gewehr in der Hand auf ein Moped schwingt, fragen wir uns, ob wir uns hier überhaupt aufhalten sollten. Im selben Augenblick hören wir auch schon ein paar Männer, die uns unmissverständlich klar machen, dass wir besser umkehren sollten, was wir schleunigst tun.

Ähnlich wie in diesem Fall, stoßen wir während unseres Aufenthalts in Myanmar immer wieder auf Grenzen, an denen er für Touristen nicht weitergeht. Sei es, weil er sich um militärisches Gelände handelt, weil die notwendige Infrastruktur fehlt oder weil es nach wie vor zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen kommt. So hatten wir ursprünglich geplant, die ehemalige Königshauptstadt Mrauk U im Westen Myanmars zu besuchen. Nachdem jedoch sowohl das Auswärtige Amt als auch die lokalen Reiseagenturen von einem Besuch in der noch immer umkämpften Gegend abraten, lassen wir lieber die Finger davon.

Bei eisigen Morgentemperaturen auf dem Inle-See

Auch am touristischen Inle-See kann man sich nicht uneingeschränkt bewegen: Ab einem bestimmten Punkt im Süden des Sees darf man nur noch mit Sondergenehmigung und einem Führer der lokalen Bevölkerungsgruppe, der Pa-O, mit dem Boot weiter. Unser Tagesziel liegt nur wenige Kilometer nördlich dieses Grenzpunktes, sodass wir um sechs Uhr morgens von Nyaungshwe aus mit einem Boot, Fahrer und Guide starten. Bereits vor Sonnenaufgang sind viele Fischer mit ihren kleinen Booten auf dem See und holen ihre Netze ein. Dabei balancieren sie geschickt auf einem Bein und rudern mit dem anderen, um beide Hände für das Netz und ihre Beute freizuhaben.

Auf unserer Fahrt passieren wir einige Dörfer, die auf Stelzen mitten aus dem See ragen oder sich entlang des Ufers schlängeln. Nicht umsonst spricht die Reisebranche vom „Venedig des Ostens“. Langsam geht die Sonne über den Bergen auf und taucht die ganze Szene in ein orange-rotes Licht, was uns einen der schönsten Sonnenaufgänge während unserer gesamten Auszeit beschert. Nur leider ist es trotz Decke und langer Klamotten dermaßen kalt, dass uns die Finger fast an die Kameras frieren.

Abseits der Touristenpfade am Inle-See

Mit steifen Beinen verlassen wir nach 2,5 h Fahrt das Boot, um den Markt bei einem Dorf kurz vor dem Checkpoint zu besuchen. Außer uns hat sich nur noch ein einziger Tourist hierher verirrt und wir sind definitiv das Exotischste, was auf dem Markt neben Lebensmitteln, Haushaltswaren, Kleidung, CDs und Kühen zu sehen ist. Viele Frauen sind in ihrer traditionellen Tracht unterwegs und bieten ihre Waren feil. Ein paar Meter neben dem Markt findet ein Hahnenkampf statt. Die Männer zocken und einige von ihnen sind bereits um 9 h betrunken. Unser Führer Mr. Maung erklärt uns, dass der Marktbesuch so etwas wie Wochenende, Heiratsmarkt und Versorgungsstützpunkt in einem ist. Viele Bewohner der abgelegenen Dörfer sind bis zu 2,5 h mit dem Boot oder Wasserbüffelkarren unterwegs, um alle fünf Tage am Marktgeschehen teilhaben zu können. Mittlerweile sei es sogar recht sicher, betont er. Früher hätten betrunkene Pa-O-Soldaten des Öfteren angefangen mit ihren Gewehren herumzuballern.

Im Laufe des Tages steigt das Thermometer auf über 40 Grad und wir schippern langsam wieder zurück Richtung Norden zu weiteren entlegenen schwimmenden Dörfern, einer Weberei und Cherooth-Fabrik, in der die beliebten grünen burmesischen Zigarren per Hand gedreht werden. Erst seit Kurzem sind ein paar Dörfer an das Stromnetz angeschlossen. Eine teure Angelegenheit, denn die Bewohner müssen die Strommasten, die über den See zum Dorf führen, aus eigener Tasche finanzieren. In vielen Dörfern gibt es keine oder nur eine Grundschule, sodass viele Familien ohne Bildung und in Armut irgendwie über die Runden kommen müssen. Die Ausbildung an Land ist teuer, entsprechend wenige können lesen und schreiben oder haben einen Job, von dem sie gut leben können.

Unterstützung für bedürftige Familien gesucht

Zerrüttete Familien mit vielen Kindern sind keine Seltenheit, wie uns Mr. Maung erklärt, als wir bei so einer Familie vorbeischauen. Wir kommen uns wieder einmal wie Eindringlinge vor, trotzdem versorgt uns die Familie gastfreundlich mit Tee und etwas Gebäck. In der windschiefen Ein-Zimmer-Hütte auf Stelzen leben zehn Menschen: Nachdem die Ehen beider Töchter gescheitert sind, sind sie mit ihren insgesamt sechs Kindern wieder bei ihren Eltern eingezogen. Die älteste Enkelin mache gerade ihren Abschluss an der Highschool am Festland. Um ihren Aufenthalt und ihre Ausbildung zu finanzieren, unterstützt Mr. Maung die Familie, erzählt er uns. Er ist tiefgläubiger Buddhist und versucht Sponsoren für einzelne Familien bzw. ganze Dörfer zu finden. Deshalb mache er auch noch mit 61 den Job als unabhängiger Tourguide, um weiterhin Kontakt zu Individualtouristen zu bekommen. Viele Guides hätten mittlerweile Exklusivverträge mit den großen Hotels und würden hauptsächlich Gruppenreisenden das Standardprogramm zeigen, doch er bleibe lieber weiterhin sein eigener Herr.

Selbstverständlich darf auf unserer Bootstour auch die Besichtigung einiger Insel-Pagoden und -Klöster nicht fehlen. Als wir am späten Nachmittag noch durch die berühmten schwimmenden Gärten fahren, sind wir bereits ziemlich erledigt, während Mr. Maung eigentlich noch weiteres Programm für uns hätte, was wir dankend ablehnen. Wir geben ihm eine kleine Spende für die Familie, die wir besucht haben, sind uns jedoch nicht ganz sicher, ob die Einkäufe davon auch tatsächlich bei der Familie ankommen werden. Wir hoffen es zumindest.

Radtour mit unerwünschter Begleitung

Am nächsten Tag mieten wir uns zwei Räder und erkunden das Ostufer des Sees. Nach wenigen Kilometern stehen wir bereits am Eingangstor der „Red Mountain Winery„, die wir jedoch erst gegen Ende unserer Radtour besuchen möchten. Als wir bereits im Begriff sind umzudrehen, steht plötzlich eine Frau auf, salutiert vor ihrem Kollegen am Eingang und schwingt sich ebenfalls aufs Rad. Uns kommt das irgendwie bekannt vor: Bereits in den Zügen der Myanmar Railway hatten wir immer einen Aufpasser dabei. Die anderen Fahrgäste mussten sich so lange umsetzen, bis uns schräg gegenüber immer ein Schaffner und/oder Polizist saß. Mit der Dame verhält es sich ähnlich, ab sofort radelt sie mit etwas Abstand hinter uns her. Als wir kurz anhalten, da Kai hilft, einen liegengebliebenen LKW anzuschieben, wartet sie so lange, bis wir weiterfahren und folgt uns in geringem Abstand.

Ein paar Kilometer weiter halten wir nochmals an, um auf die Karte zu schauen und um herauszufinden, ob unsere Verfolgerin uns noch immer auf den Fersen ist. Sie radelt an uns vorbei, kommt aber wenige Minuten später wieder zurück, als wir nicht weiter fahren, und wartet dann in einiger Entfernung ab, was wir als nächstes tun werden. Wir machen ein paar Witze über den „Escort-Service“, wobei uns eigentlich nicht zu lachen zu Mute ist, fahren dann aber trotzdem weiter. Ab da folgt uns die Dame zwar nicht mehr, wir haben aber trotzdem das Gefühl, dass uns weiterhin jemand beobachtet.

Nachdem wir bei sengender Hitze endlich den Rückweg antreten, führt unser Weg direkt in die „Red Mountain Winery“, von wo wir einen tollen Blick auf das Tal, den Inle-See und den Sonnenuntergang genießen. Wir kosten vier hauseigene Weine und sind vom Sauvignon Blanc und der Aussicht schlichtweg begeistert, sodass wir abends glücklich aber müde in unser Bett fallen.

Begegnung der politischen Art

Da wir keine Lust haben, über 20 h im Bus zu verbringen, leisten wir uns einen Flug vom Inle-See nach Yangon. Am Flughafen befinden sich fast ausschließlich Touristen (Gruppen, älteres Semester) und ein paar lokale Größen, die in Militärbegleitung in schwarzen Wagen quasi bis an den Check-in-Schalter vorgefahren werden.

In Yangon bleiben wir nur eine Nacht, um am nächsten Morgen den Bus Richtung Süden zu nehmen. Als wir abends bei unserem Guesthouse in Yangon um die Ecke essen, sitzen am Nebentisch zwei junge einheimische Typen, die bereits einige Biere gezischt haben. Plötzlich spricht uns einer der beiden auf Englisch an und bietet uns einen echt burmesischen Biersnack an. Die gerösteten Heuschrecken und Hundertjährigen Eier können wir natürlich nicht ausschlagen und schon geht’s zur Sache: Wie wir Myanmar finden, was wir von der Oppositionsvertreterin Aung San Suu Kyi und dem Staatspräsidenten Thein Sein halten, will der etwas jünger wirkende wissen. Wir antworten so zurückhaltend und diplomatisch wie möglich, aber er lässt nicht locker und macht keinen Hehl aus seiner Meinung über die derzeitige Regierung und die prekäre Situation der Bevölkerung in Myanmar.

Zwischen Militär und Oppositionellem

Ein weiteres Bier später rücken die beiden dann mit der Sprache raus: Sie kennen sich vom Studium und waren zusammen als Ingenieure beim Militär beschäftigt. Während der eine dort Karriere gemacht hat – stolz präsentiert er sein Handy und iPad und erzählt von seinen Auslandsreisen – verdient sein regierungskritischer Freund inzwischen als Seeman seinen Lebensunterhalt. Die beiden haben sich seit vier Jahren nicht mehr gesehen und ihre Leben haben sich in der Zwischenzeit wohl äußerst unterschiedlich entwickelt.

Der Militär zeigt Kai auf seinem iPad ganz cool Fotos von seiner Freundin und überblättert die Bilder, auf denen Tote im Straßengraben zu sehen sind, etwas zu langsam, um sie zu übersehen. Mit zunehmendem Alkoholkonsum wird der andere dagegen immer depressiver und kennt jetzt keine Zurückhaltung mehr: Das Militär würde noch immer zu viele Menschen töten, auch sein Freund sei ein Mörder und er selbst sowieso. Auf die Vermutung hin, dass er wahrscheinlich auf Befehl gehandelt habe, meint er ganz klipp und klar: Nein, er habe im Suff einen 16-jährigen erschlagen. Als Stefanie vorsichtig fragt, was dann passiert sei, meint er „Nichts. Mein Vater ist ein bekannter Offizier. Der hat das geregelt“.

Spätestens jetzt ist es Zeit für uns zu gehen, doch der Militär beharrt darauf, dass wir ihm unsere Namen nennen, damit er sich mit uns auf Facebook befreunden kann. Außerdem erwähnt er mindestens zehn Mal, dass wir ihn anrufen sollen, falls wir Probleme bekämen. Als sein Freund auf die Toilette schwankt um sich zu übergeben, nutzen wir die Gelegenheit und kommen endlich los. Wir sind heilfroh, als wir in unserem Guesthouse ankommen, schlafen schlecht und nehmen am nächsten Morgen sofort unseren nicht ganz unkritischen Blogeintrag über Myanmar offline. Wahrscheinlich interessiert sich das Militär nicht für uns, wir aber wollen sicher gehen, dass wir die restliche Woche unbehelligt in Myanmar verbringen und das Land auch problemlos wieder verlassen können.

Touristen als Sehenswürdigkeit

Unser nächster Stopp führt uns in die Küstenstadt Mawlamyine, die Hauptstadt des Mon-Staates, in der viele Muslime leben. So weit in den Süden wagen sich nur wenige Touristen, zumindest bekommen wir so gut wie keine zu Gesicht und die Einheimischen starren uns freundlich und fragend an, als ob wir Außerirdische wären. Als eine Schulklasse älteren Jahrgangs eine Pagode besichtigt, interessiert sich plötzlich keiner mehr für den eigentlich Zweck des Ausflugs. Nachdem ein Schüler den Mut aufgebracht hat, uns um ein Foto zusammen mit seiner Klassenkameradin zu bitten, möchten plötzlich so gut wie alle ein Foto mit uns haben, inklusive der Lehrerin.

In der Stadt gibt es nur wenige Unterkünfte, die Ausländer beherbergen, und noch weniger Restaurants, die eine Speisekarte mit meist skurrilen englischen Übersetzungen oder Fotos besitzen. Wir setzen uns auf gut Glück in eine kleine Teebude und bekommen superleckere Dal-Suppe mit frischem Naan-Brot, Tee und Kaffe serviert. Der Besitzer spricht sogar ein paar Brocken Englisch und „Bayern München“ kennt er sowieso. Bevor wir gehen, möchte er unbedingt noch mit Kais Sonnenbrille fotografiert werden. Einen Gefallen, den wir ihm sehr gerne tun.

Letzter Stopp im Kayin-Staat

Zum Abschluss unserer Reise legen wir noch einen Stopp in Hpa-An ein, der Hauptstadt des Kayin-Staates im Südosten Myanmars. Um dorthin zu gelangen fahren wir mit dem Boot den Fluss entlang, vorbei an kleinen Dörfern, einsamen Stränden und einzelnen Karsthügeln, die von Palmen umgeben sind.

Während man vielerorts als Ausländer kein Moped ausleihen kann, so darf man sich rund um Hpa-An auf einem motorisierten Zweirad frei bewegen, sofern man sich im Umkreis von 25 km aufhält. Unser Ausflug führt zum Pilgerberg Zwe Kabin (auch Zwegapin, Zwe Ka Gin, Zwe Ga Pin, Zwe Ka Bin, etc. genannt), auf dessen Gipfel sich ein Kloster befindet und für dessen Aufstieg zwei Stunden angesetzt sind. Es sind mal wieder über 40 Grad, als wir uns in 1,5 h in der prallen Sonne unzählige Stufen hoch schleppen. Wem das zu einfach ist oder etwas Gutes im buddhistischen Sinne tun möchte, der kann zusätzlich ein paar mit Sand gefüllte Säckchen zum Kloster hochtragen, wovon wir absehen. Nach einer kurzen Verschnaufpause am Gipfel, wo man sich gegen noch mehr Hitze und wütende Affen schützen sollte, beginnen wir mit dem Abstieg, der es in sich hat. Noch steiler als beim Aufstieg geht es über endlose Steinstufen hinab. Rechts und links des Weges liegen unzählige kaputte Flipflops, die den Strapazen des Abstiegs offensichtlich nicht gewachsen waren.

Tod auf der Straße

Zum Glück können wir unseren Muskelkater auf der mehrstündigen Busfahrt nach Yangon auskurieren, wo wir unseren letzten Tag in Myanmar verbringen. Weitaus versöhnlicher gestimmt als noch zu Beginn unseres Aufenthalts, treten wir frühmorgens die Fahrt zum Flughafen an. Kurz vor dem Flughafen drosselt unser Fahrer plötzlich das Tempo. Einige Menschen stehen auf und entlang der Straße. Der Fahrer murmelt immer wieder ein paar Worte, die wir schließlich als „accident“ und „dying“ interpretieren. Und dann sehen wir auch, was er damit meint: Ein kleiner LKW steht schräg auf der Straße, zwischen den Schaulustigen fällt unser Blick auf einen schrecklich verstümmelten, blutverschmierten Toten auf der Straße. Im Vorbeifahren sehen wir den Polizisten, der gelangweilt daneben steht und zuschaut, wie ein großer schwarzer Vogel seine Klauen ausfährt, um sich ein riesiges, blutiges Stück Fleisch des Toten, das ein paar Meter vor dem LKW auf der Straße liegt, zu greifen.

Die schrecklichen Bilder und das traurige Bewusstsein im Kopf, wie wenig Wert ein Menschenleben in Myanmar ist, verlassen wir das Land mit dem Flieger Richtung Bangkok. Wir hoffen, uns während der letzten beiden Wochen unserer Auszeit am Strand noch erholen zu können, bevor es Anfang April 2013 wieder zurück zu Alltag und Arbeit geht.

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